Farbig geht die Welt zugrunde
Es hat Klick gemacht
Der Sonderfall CMYK und die Farberwärmung um Delta E im Europäischen Wirtschaftsraum.RALF TURTSCHI Ich bin ein bekennender Schwarzkünstler. Das Blei, die Druckerschwärze – nie werde ich den Geruch aus der Nase kriegen. Schwarzweiss war die Norm, Farbendruck auf Texte, Linien oder Flächen beschränkt. Ein paar verbeulte Farbbüchsen standen unten in der Druckerei im Regal. Meist lag eine dicke Haut auf der Farbe, die erst mit dem Spachtel vorsichtig abgelöst werden musste, so selten wurde farbig gedruckt. CMYK war eine Randerscheinung. Klick.
Während sich RGB als digitaler Weltstandard längst etabliert hat, unterhält die grafische Industrie ein separates Flämmlein namens CMYK am Leben. Europaskala wird das Farbmodell etwa auch genannt. Europa? In den USA heisst das Pendant SWOP, und weiss der Kuckuck, womit die Asiaten drucken. CMYK – Weltstandard? Klick.
Ich kann Ihnen aber garantieren, dass alle dieselben Rechner und Bildschirme benützen. Digitalkameras, Handys, LCD-Projektoren, GPS-Monitore, Fernseher, LED-Leuchtanzeigen, Armaturen, Touchscreens, Stempeluhren, PowerPoint-Präsentationen, Blackberrys und andere Dörrfrüchte – alle benutzen RGB. Ausgerechnet die (europäische) Druckindustrie macht einen Wirbel, ja fast einen Föhnsturm um den Druckstandard mit CMYK. Im Fachjargon wird ein solches Verhalten mit suizidalem Abort diagnostiziert. Eine Branche mit permanenter Schwindsucht, sprich Druckerlädelisterben, sucht den Ausweg im Reduit, wo man sich einigelt und von den herbeigeschafften Futtervorräten lebt. Die ehemalige Unversehrtheit von CMYK hat ganz schön Staub angesetzt. CMYK scheint am Austrocknen, world wide wird Web und RGB verlangt. Der umstrittene ISO-Standard 146-8BH-85K-3B5 (Oder war das gleich noch mal die Seriennummer?) ist doch den Betrachtern egal, farbig muss es einfach sein. Auf dem Tintenstrahler druckt der Marketingdirektor seine Ferienföteli auf Fotopapier aus – er freut sich riesig, scheint sich nicht daran zu stören, dass die Hautröte nicht vom Sonnenbrand stammt. Am nächsten Tag kann er dafür wieder den Hausdrucker schikanieren. Klick.
Eine abzulichtende Szene umfasst einen riesigen Farbraum. Durch unterschiedliche Einflüsse wie Lichtquelle, Aufnahmestandort und Kameraeinstellungen lichtet der Fotograf ziemlich willkürlich ein Bild auf den Chip. Die Farbtöne können sich erheblich von jenen der Szene unterscheiden. Ebenso willkürlich geht die Kreation oder die Bildretusche mit dem Bild um, es wird dramatisiert, weggelassen und hinzugefügt, laufend aus der Hüfte heraus am Bild «geschraubt». Haut kann Tonwerte von 0% bis 100% Schwarz aufweisen.
Hier setzt die Druckindustrie ein. Sie möchte partout das grosszügige Zufallsergebnis der Kreativen auch für das unscheinbarste 08/15-Mailing in engster Toleranz zu Papier bringen. Es wird zum Vorlagen-Götzen. Und der muss profilneurotisch im Rahmen eines Standards gedruckt werden, der mit dem Auge nicht mehr wahrnehmbar ist. Vergessen wird dabei, dass das Auge mittels Neuroprofilierung durchaus in der Lage ist, ein Bild zu interpretieren. Eine Banane bleibt eine Banane, auch wenn sie gelber als gelb abgebildet wird. Es ist wirklich paradox. Ringsum entstehen neue Digitaldrucksysteme, die schon heute farbiger können als CMYK. Die Kodak Nexpress druckt in CMYK, rechnet dabei eine fünfte Druckfarbe Rot, Blau oder Grün mit ein. Die Maschine bildet einen grösseren Farbraum ab, als mit blossem CMYK möglich ist. Die HP Indigo simuliert im 6-Farben-Druck einen grossen Teil von Pantonefarben in einer bestechenden Brillanz. Allerdings sind davon Farbbilder noch ausgenommen. Noch. Marktreif ist hingegen der Druck mit CMYK + Light Magenta + Light Cyan, womit ein weit grösserer Farbraum abgedeckt wird als mit CMYK. Klick.
Stellen Sie sich einmal vor: In einem Restaurant haben Sie die Wahl zwischen dem saftigen, gut gelagerten Filet der 1A-Qualität und dem sieben Tage an offener Luft gelagerten leicht angelaufenen Stück. Zu gleichem Preis. Sie sind so blöd und lassen sich das Vergammelte servieren. Dazu verlangen Sie passend die matschigen Pommes frites, nicht die knusprigen. Ich frage Sie um Gottes willen: Wählen Sie wirklich immer das Zweitbeste? Sind Sie normal? Warum haben sich eigentlich in der Druckindustrie wie in der Hotellerie keine verständlichen Qualitätsabstufungen durchgesetzt, mit anderen Preisen? Der CMYK-ISO-Standard zementiert nichts weniger als das abgelaufene Filet. Klick! Kliiick! Kli-ih-ih-ih-ick!
Äxgüsi, das war jetzt ein bisschen persönlich. Eben wie der farbige Digitaldruck. Der in fünf Jahren wohl viele Farben ausserhalb des CMYK-Farbraumes standardmässig abdecken wird. Die restlichen Krümel werden dann CMYK-Fetischisten unter sich aufteilen. Mit grossen, grossen Druckmaschinen, die gewaltige Mengen an ISO-zertifizierten Drucksachen ausstossen, für unendlich grosse Lagerhallen. Digitaldruck führt uns vor Augen, dass wir uns vom Eingemachten langsam verabschieden sollten. In Second Life gibt es den Linden-Dollar, im Digitaldruck den Klick. Ein Klick ist umgerechnet 2,4 Linden-Dollar. Die Druckmaschine kostet nicht Franken, sondern Klicks. Je mehr Seiten also verklickt werden, desto mehr Dollars werden vom Druckmaschinenvermieter konjunkturbereinigt vorsteuerabzugsberechtigt oder mehrwertsteuerbefreit rückvergütet. Tönt ziemlich verworren, aber dies ist ja bei den Hedgefonds auch so.
Ich rufe Ihnen also von den Grenzen des CMYK-Farbraumes zu: Sehen Sie mal hinter den Farbvorhang in die Firstclass, die Bedienung dort ist sehr persönlich und die Aussichten sind fantastisch. Der fundamentale CMYKler jedoch ist so flexibel wie der Ayers Rock («Wir haben es schon immer so gemacht!»). Er wird kaum von der Aussicht profitieren können, denn die Linsen von Fadenzähler und Densitometer sind so getrübt, dass selbst eine Graue-Star-Operation aussichtslos erscheint. Klick.




