ISO-Druckstandard: «Breit wie ein Scheunentor»
Gerangel um ISO-Druckstandard
Der ISO-Standard für den Offsetdruckprozess kommt immer mehr unter Beschuss. Er sei zu unpräzis und «breit wie ein Scheunentor», heisst es da. Und System Brunner geht noch weiter und spricht davon, dass die «nackte» Farbmetrik prozessblind und bildfremd sei.Standardisierung ist zurzeit eines der dominierenden Themen in der grafischen Industrie. Vor allem die ISO-Norm 12647-2, die den Offsetdruckprozess definiert, bringt viel Bewegung in den Markt. Diese Norm gibt es zwar schon seit 1996, ihr volle Durchschlagskraft hat sie jedoch erst ab dem Jahr 2004 entwickelt, in dem die von hauptsächlich deutschen Verbänden (bvdm, ECI und FOGRA) neue definierten Werte des Prozessstandards Offsetdruck (PSO) in die Norm eingeflossen sind. In der Schweiz bietet heute auch die Ugra eine Zertifizierung nach ISO 12647-2 an, welche rege genutzt wird.
Die damit verbundenen Versprechen tönen gut und überzeugend: Die Druckvorstufe arbeitet mit den ISO-Profilen der ECI, macht ein zertifiziertes Kontraktproof, welches dann der Drucker problemlos erreicht, da er ja zertifiziertermassen nach ISO 12647-2 druckt. Nun tauchen aber immer mehr «Spielverderber» auf, welche diese heile ISO-Welt in Zweifel ziehen.
Da sind einerseits die Bewahrer des Althergebrachten, die nach alter Manier Farbmanagement an der Druckmaschine betreiben wollen und gerne auch weiterhin ihren Kunden zum feierlichen Akt des Abstimmens an die Maschine einladen möchten. Für sie führt Standardisierung weg von der schwarzen Kunst und hin zu einer unerwünschten Austauschbarkeit. Und andererseits gibt es da prinzipielle Befürworter einer Standardisierung, die jedoch die Art der Umsetzung der Norm in Zweifel ziehen. Die lauteste Kritik auf diesem Hintergrund kommt aus dem Hause System Brunner. Die Vorwürfe an die Verfechter der ISO-Norm sind happig: Man könne sich nicht auf die Farbmetrik stützen, wenn man Offsetdrucke messen und an der Druckmaschine regeln wolle, da diese prozessblind und bildfremd sei.
Nun zeigt die Praxis, dass zwei Proofs, die messtechnisch je innerhalb der ISO-Toleranz liegen, sich dem menschlichen Auge tatsächlich ganz unterschiedlich präsentieren können (siehe Bild rechts). Brunners Kritik ist also kaum aus der Luft gegriffen. Und dass das diesjährige Digitalproof-Forum kurzfristig abgesagt werden musste, spricht Bände über die diesbezügliche Verunsicherung in der Branche.
Leider hat sich nun aber die Diskussion um die ISO-Norm und den Prozessstandard Offsetdruck von einer technisch-sachlichen Ebene immer mehr in Richtung einer politisch-emotionalen verlagert. So wie sich uns die Situation präsentiert, haben mehr als böse Absicht einige unglückliche Pannen das Ihre dazu beigetragen, die Stimmung anzuheizen. Da wurde System Brunner im Frühling nicht an eine vom VSD organisierte Fachtagung zum Thema Standardisierung und Prozesskontrolle eingeladen, was dann wiederum eine heftige Reaktion seitens System Brunner auslöste: In einer ganzseitigen Anzeige in der Zeitschrift «Viscom» wurde der VSD in harschem Ton angeprangert, mit der «Visual Print Reference» ein blosses Plagiat auf den Markt zu bringen, welches die Rechte Brunners verletzt, und sich dabei allein auf die ISO-Norm zu stützen, obwohl deren Schwächen bekannt seien.
Als nun im Vorfeld einer weiteren, auf den 9. November angesetzten Tagung zum Thema Standardisierung auch noch die Verbandspolitik ins Spiel kam, eskalierte das Ganze zu einem veritablen Grabenkrieg. Der Event wurde kurzerhand abgesagt. «Die Vorbereitungen für diesen Anlass erfolgten in einem Klima der offenen und versteckten Störmanöver, Anfeindungen und teilweise persönlichen Anschuldigungen», heisst es konsterniert im Absageschreiben der Veranstalter.
Es ist ein beispielloses Armutszeugnis für diese Branche, dass eine sachliche Diskussion über ein so zentrales Thema wie einen ISO-Standard kaum mehr möglich ist. Wir wollen hier im Publisher den Versuch wagen, das Thema in einer Artikelserie ohne Scheu vor pointierten Stellungnahmen und doch sachlich anzupacken. Als Einstieg scheint uns dabei ein Artikel von Kurt K. Wolf geeignet, der im September im «Deutschen Drucker» erschien und etwas die Hintergründe und Vorgeschichte rund um den Prozessstandard Offsetdruck beleuchtet und gleichzeitig die Leistungen von System Brunner würdigt.
Martin Spaar
KURT K. WOLF Am 5. Mai 2006 kam es in Mailand zu einem Eklat, als Felix Brunner für sein Lebenswerk der «Goldene Preis Pellitteri» verliehen wurde. Ein Sprecher versuchte in der Laudatio, die Arbeiten Brunners für die ISO-Norm 12647-2 zu vereinnahmen. Brunner protestierte lautstark dagegen und wies darauf hin, dass die Norm im Wesentlichen ein «Plagiat» sei.
In seiner öffentlichen Erwiderung in Mailand beklagte Felix Brunner, dass die Forschungsinstitute seine Entwicklungen in der Standardisierung «kopieren» würden. Seit je hat Brunner sich dagegen verwahrt. In der Ausgabe 40/2003 des «Deutschen Druckers» war bereits nachzulesen, dass die Geschichte der Standardisierung seit 1969 fast ausschliesslich von System Brunner geschrieben wurde.
Prozessblinde Farbmetrik?
Anfang 2003 nahm System Brunner Stellung zur Behauptung eines Wettbewerbers, die Patente für die Graubalance seien 100%ig definiert, wobei dieser auf die Spektralmesstechnologie der Heidelberger Druckmaschinen AG hinwies. Felix Brunner vertritt hingegen die Überzeugung, dass die Farbmetrik bildfremd und prozessblind sei. Sie könne zwar den Farbton an jeder Stelle innerhalb der Bilder analysieren, aber nicht feststellen, aus welchen Volltondichten der vier Druckfarben und welchen Tonwertkurven in diesen Druckfarben der Farbton entstanden sei. Damit sei sie auch nicht in der Lage, Farbschichtdicken oder Rasterflächendeckungen zu regeln.
Gentleman’s Agreement
In einem Memorandum vom Dezember 2005 berichtet Brunner, dass der Fogra-Geschäftsführer Dr. habil. H.-J. Falge und sein Stellvertreter Manfred Brune Mitte der 80er-Jahre mit der Bitte an ihn herangetreten seien, ein Gentleman’s Agreement abzuschliessen, in dem Brunner darauf verzichten solle, in Deutschland als Referent aufzutreten. Als Gegenleistung hätten Falge und Brune angeboten, in Benelux, Frankreich, Italien, England und der Schweiz, in denen System Brunner bereits gut eingeführt war, als Fogra zukünftig nicht in Erscheinung zu treten. Falge und Brune hätten betont, dass es für die Fogra und deren Geldgeber in Deutschland sehr wichtig wäre, als unangefochtene Autorität in Erscheinung zu treten. Beiden war bekannt, dass Brunner die Forschungstätigkeit der Fogra und der Ugra durch Gratislizenzen für den bekannten Plattenkeil unterstützte.
Das Gentleman’s Agreement Fogra-Brunner sei – so Felix Brunner rückblickend – nur als mündliche Absprache formuliert und nicht schriftlich fixiert worden. Wenige Jahre später habe die Fogra Brunner mitgeteilt, dass sie das Abkommen nicht mehr weiter einhalten wolle. Als Begründung habe man erklärt, dass die Unterstützer der Fogra deren Aktivität nun auch im Ausland verlangen würden.
Plagiatvorwurf
In einem Einschreibebrief vom 4. Dezember 2005 an den Bundesverband Druck und Medien (BVDM) schrieb Felix Brunner, dass er bezüglich des Prozessstandards Offsetdruck (PSO) keine eigenständigen Entwicklungen des BVDM feststellen könne.
Gegenüber seinen multinationalen Lizenznehmern wie DuPont de Nemours, MAN Roland und Quad Graphics sei Brunner vertraglich verpflichtet, seine Schutzrechte zu verteidigen. Er habe sich bisher nur deshalb zurückgehalten, weil er aus Erfahrung wisse, dass der Nachahmer auch stets Werbung für das Original mache.
Mit der Übernahme des Konzeptes der Graubalance von Brunner würden jedoch seine Patente verletzt. Felix Brunner forderte den BVDM auf, das neue Messelement zur Graubalance unverzüglich vom Markt zu nehmen.
«Fehlerhafter Prozessstandard Offsetdruck»
In einer Pressemitteilung vom 12. Dezember 2005 erinnerte Felix Brunner daran, dass Daniel Würgler (System Brunner) bereits im Januar 2004 unter dem Titel «Original oder Nachahmung?» dargelegt habe, dass der Prozessstandard Offsetdruck keine eigenständige Entwicklung sei. Zudem wäre in der Praxis inzwischen festzustellen, dass der PSO zu falschen Schlussfolgerungen führe, weil er schlichtweg fehlerhaft sei. Dies liege daran, dass dem PSO wesentliche Parameter fehlen würden, nämlich genau diejenigen, die System Brunner bisher ganz bewusst nicht publiziert habe, weil man deren Nachahmung vorhergesehen habe.
Hingegen funktioniere der Eurostandard System Brunner in der Druckpraxis, weil die angesprochenen Parameter in die Software integriert seien.
ISO-Druckstandard breit wie ein Scheunentor
Ende Januar 2006 schreibt Felix Brunner bezugnehmend auf einen Artikel in der Ausgabe 2/2006 des «Deutschen Druckers», in dem über ein Expertenforum berichtet wird, dass der Prozess Standard Offsetdruck viel zu weit gefasst sei und der ISO-Standard 12647-2 gravierende Fehler enthalten würde. In dem DD-Artikel wird Professor Stefan Brües mit den Worten zitiert: «Der ISO-Standard 12647-2 ist wie ein grosses Scheunentor und die Altona Testsuite eine kleine Markierung in der Mitte. Aber wir haben beim letzten Digitalproof-Forum (2005) zwei innerhalb des ISO-Standards 12647-2 produzierte Drucke aus derselben Papierklasse gesehen, die signifikant unterschiedlich waren. Beide aber lagen innerhalb der Normtoleranzen!»
Felix Brunner zufolge liegt eine der Hauptursachen dafür in den «ungenauen Color Charts». Druckmaschinen seien im besten Falle mit Farbwerkregelanlagen ausgerüstet, welche Farbschichtdicken und Punktzunahmen messen und regeln könnten. Im Vierfarbendruck seien dies nur acht Parameter. Dabei seien – so Brunner – über 30 Parameter für eine ausreichende Prozessüberwachung notwendig.
Fehlende Parameter
Ein noch gravierenderer Mangel sei das Fehlen wesentlicher Einflussgrössen, welche sich durch das Stichwort «neugebauersche Gleichungen» umschreiben lassen. Neugebauer habe bereits 1937 grundlegende Zusammenhänge des autotypischen Druckes beschrieben, welche in der Branche in Folge der Digitalisierung vergessen worden seien. Neugebauer hatte Gesetzmässigkeiten aufgezeigt, wonach Rasterpunkte übereinander oder nebeneinander zu liegen kommen oder sich teilweise überlappen, was im Druck zu ganz unterschiedlichen Resultaten führen kann. Die Nichtberücksichtigung dieser wichtigen Prozessparameter in der ISO-Norm 12647-2 könne unerklärbare Abweichungen von Druck zu Druck und von Proof zu Druck zur Folge haben. Im System Brunner Instrument Flight seien diese Prozessparameter integriert. Dies sei einer der Gründe, warum der Instrument Flight von MAN Roland und Quad Graphics in deren Regelanlagen integriert worden ist. Ohne die Berücksichtigung dieser vielfältigen Prozessparameter verursache der Prozessstandard Offsetdruck mehr Probleme, als er lösen würde.
Felix Brunner ist einer der wichtigsten Pioniere im Offsetdruck und ohne Zweifel der Grösste in der Druckstandardisierung. Ich habe ihn 1973 kennen gelernt und seitdem seine Entwicklungen zur Standardisierung miterlebt. Seine Erfindungen, welche die Druckindustrie verändert haben, sind so zahlreich, dass sie sich hier gar nicht alle aufzählen lassen.
Seit Jahren kämpft Felix Brunner für sein Recht. Und die Praxis gibt ihm Recht: Der «Instrument Flight», das automatische Regelsystem für Druckmaschinen, funktioniert perfekt. Nicht umsonst haben führende Offsetdruckereien ihre Offsetrotationen damit ausgerüstet.
«Deutscher Drucker» berichtete in seiner Ausgabe 42/2005 zum Beispiel über die Walcker Offsetdruck GmbH, welche drei von vier Rotationen mit dem System ausgerüstet hat. In dem Bericht heisst es: «Durch die Einführung des PSO wurde den Fachleuten bewusst, dass die Variablen im Offsetdruck so gross sind, dass die Toleranzen des PSO allein nicht ausreichen, eine visuelle Übereinstimmung zwischen einem Proof und dem Druck zu garantieren. In der eigenen Vorstufenabteilung mit zehn Mitarbeitern werden die Aufträge exakt nach PSO geprooft und sind an der Rotation nur deshalb sofort zu erreichen, weil man seit 2003 alle drei neueren Rotationen mit dem geschlossenen Regelkreislauf von Quad Tech mit dem System Brunner Instrument Flight ausgerüstet hat.»
«Die Digitalisierung war ein wesentlicher Bestandteil bei der Einführung des PSO», urteilte Walcker-Geschäftsführer Thomas Schön. Nach der Einführung von CtP im Jahr 2000 habe man rasch eine stabile Plattenproduktion auf höchstem Niveau erreicht und eine Steuerung der Mitteltonwerte erhalten. Mit der Quad-Tech/Instrument-Flight-Steuerung (QT/IF) habe man eine Regelbarkeit der Farbe in den Rotationen erreicht, dank deren man insbesondere bei selbst reproduzierten Aufträgen in wenigen Minuten nach Druckbeginn die visuelle Übereinstimmung zwischen Digitalproof und Auflagendruck erreicht. «Solche Aufträge sind für uns Referenzaufträge, an denen wir sehen, dass wir alle Prozessschritte beherrschen und in der Mitte des PSO-Toleranzbereiches stehen», meint Thomas Schön.




