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Photoshop Kreativ-Kochkurs: Überraschende Schablonen-Graffiti

Schablonen-Graffiti ohne Farbdämpfe

Adobes Photoshop bietet genügend künstlerisches Potenzial, um die Kreativen dazu zu verleiten, Pinsel, Lappen, Airbrushpistole und ähnliche Utensilien gegen Tastatur, Grafiktablett und digitale Tools einzutauschen. Eine spezielle künstlerische Technik sind Schablonen-Graffiti: traditionell ausgeschnittene Schablonen, die dann mit Airbrush oder Sprühlack ausgesprüht werden.

Einfache Formen ausgesprühter Schablonen stachen noch vor zehn, fünfzehn Jahren in allen grösseren Städten ins Auge: simplifiziert plakativ daherkommende Konterfeis von Persönlichkeiten wie Che Guevara, Angela Davis, Mao Tse Dong und anderen. Auch wenn diese visuell Aufmerksamkeit erheischende Unterstreichung politischer Forderungen zuzeiten bereits eher historisch anmutet, ist die dahinter stehende Umsetzungstechnik unter Grafiker/innen schon lange allgemein bekannt – wenn auch hier eher mit der Airbrushpistole als der billigen Farblackdose aus Woolworth gearbeitet wird. Die Grundtechnik des Arbeitens mit Schablonen ist ebenso simpel wie wirkungsvoll: Man reduziere das gewünschte Motiv auf einen wirkungsvollen Schwarzweiss-Scherenschnitt, schneide die schwarzen Bereiche weg und benutze die weissen als Abdeckschablone, um den freien Teil mit Farbe auszusprühen. Nach demselben Schema lässt sich die Geschichte – ebenso wirkungsvoll – auch digital vollziehen.

Die Grundtechnik

Wollen Sie in Photoshop etwa das Porträtfoto von Tante Erna, Ihres Kindes, Ihres Liebsten, einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens oder von wem auch immer «wie ausgesprüht» aussehen lassen, gehen Sie im Prinzip vor wie beim analogen Vorbild: Sie erstellen aus dem Bildmotiv eine Schablone und sprühen diese mit dem Airbrushwerkzeug aus. Vorteil der digitalen Arbeitsweise ist, dass die physischen Beschränkungen sowie der Erstellungsaufwand real ausgeschnittener Schablonen keine Rolle spielen: Schwarzweiss-Scherenschnitte lassen sich über Photoshops Schwellenwertfunktionen leicht ermitteln, Limits in Bezug auf kompliziertere Gebilde (vor allem «frei schwebende» Teile, die bei analogen Schablonen immer ein Problem darstellen) spielen keine Rolle (lassen sich aus «Echtheitsgründen» jedoch ebenfalls nachvollziehen, wie weiter unten dargestellt wird) und Blasen an den Fingern vom genauen Ausschneiden der Pappe werden Sie sich auch nicht holen. Die Grundmethode: Als erstes kopieren Sie eine aussagekräftige Graustufenversion Ihres (Farb- oder Schwarzweiss-)Bildes in einen Alpha-Kanal. Von dieser ermitteln Sie über Bild / Einstellen / Schwellenwert die gewünschte Schwarzweiss-Scherenschnitt-Version. Fällt diese zufriedenstellend aus, kehren Sie den Kanal um (Schwarz wird Weiss; Befehl / I). Das wars; die Schablone ist nun einsatzbereit.

Zum Aussprühen benötigen Sie nun einen entsprechenden Untergrund. Um das Originalbild weiter in Reserve zu behalten, empfiehlt sich das Anlegen einer neuen Ebene und das Füllen der Fläche mit einer geeigneten «Grundierung» – der Einfachheit halber Weiss. Nun müssen Sie nur noch die erstellte Schablone als Auswahl laden und die freigegebenen Bereiche mit dem Airbrushwerkzeug aussprühen. Empfehlen tut sich eine breite, weiche Werkzeugspitze (bei Bedarf anzulegen in der Werkzeugoptionen-Palette mit «Neue Werkzeugspitze») und eine mehr oder weniger stark reduzierte Deckkrafteinstellung. Die digitale Auswahlschablone deckt – ebenso wie ihr Vorbild – helle Bereiche und gibt dem Airbrush nur die dunklen Teile zur Bearbeitung frei.

Was Auftrag, Farbe, Betonung durch Konturenführung oder auch künstlerisch motiviertes Weglassen angeht, haben Sie hier freie Wahl. Der Auftrag gestaltet sich – ebenso wie beim Vorbild aus dem realen Leben – recht intuitiv, was heisst: Sicherheit und Routine beim Umgang mit dieser Kombination stellen sich schnell ein; was auch heisst: Diese Technik schreit geradezu nach Verfeinerung...!

Zwei oder mehr Farben

Da Schablonen aussprühen in Photoshop so wunderbar einfach funktioniert, sind Gedanken über den weiteren Ausbau dieser Technik nahe liegend. Am naheliegendsten ist natürlich die Option, nicht nur mehrere Farben einzubeziehen, sondern für diese Farben auch jeweils eigene Schablonen zu erstellen.

Wie im Beispielbild zu sehen, bietet die Kombination einer hellen Farbe (etwa: Gelb) mit einer dunklen (etwa: Dunkelblau oder Schwarz) einen erheblich grösseren Gestaltungsspielraum. Allerdings: Ein bisschen konzeptionelles Denken ist beim «Steigern» der Farbpotenziale durchaus gefragt. Die zu erstellenden zwei Schablonen sollten einen bildmotivtechnisch sinnvollen Bezug zueinander ergeben. Sie benötigen also einen recht abgerippt daherkommenden hellen Scherenschnitt, der nur elementare Schatten schwarz anzeigt sowie einen üppig-vulminanten, der weite Teile der Grauflächen in schwarze Schatten versenkt; in «Photoshop» übersetzt: einen hellen und einen dunklen Schwellenwert.

Sie kopieren Ihre Grau-Version in zwei Alpha-Kanäle und erstellen zwei unterschiedliche Schwellenwerte, die Sie am Ende invertieren. («Umgekehrt denken» ist bei dieser Technik recht grundlegend: Schwarz soll schliesslich später als Auswahl zum Aussprühen freigegeben werden, was heisst: Im Kanal muss Schwarz als Weiss vorliegen. Optional können Sie Ihre Kanal-Scherenschnitte natürlich auch unverändert lassen; Sie müssen dann beim Laden nur immer die Auswahl umkehren...!)

Mit der helleren Farbe grundieren Sie nun per Airbrush wie gehabt Ihre Arbeitsfläche – natürlich nachdem Sie die dunklere (mehr zum Aussprühen freigebende) Scherenschnitt-version als Auswahl geladen haben.

Weiss/Farbe-Konturierungen erbringt der Farbauftrag überall da, wo die Schablone (Auswahl) die hellen Lichterbereiche deckt. Da diese erste Auftragsschicht – abgesehen von der hellen Farbe – auch in sich unproportional wirkt, tritt nun als Korrektiv das Ausspühen der Tiefenbereiche mit dunkler Farbe und unter Zuhilfenahme der zweiten Schablone hinzu. Sofern nicht die Schablonen in sich künstlerisch «daneben gegangen» sind (was eigentlich nur durch einen motivtechnisch missglückten Schwellenwert zustande gebracht werden kann), erzielen Sie bei Farbe Nummer zwei auch im Aussprüh-Modus «Normal» gute Ergebnisse. Optional lassen sich die beiden Farben jedoch auch mischen. Bei reduzierter Deckkraft geschieht dies auch im Auftragsmodus «Normal»; reizvolle Variationen und Mischtöne zwischen unterer und oberer Farbe lassen sich durch Ändern des Auftragsmodus leicht erstellen.

Dritte Farbe? Kein Problem: Sie verfahren wie zuvor beschrieben; erstellen nur eine weitere Schablone. Die Scherenschnitt-Varianten bei drei Farbaufträgen sind: dunkler Schwellenwert (helle Farbe), mittlerer Schwellenwert (mittlere Farbe) und abgespeckt heller Schwellenwert (dunkle Farbe/Schwarz). Das Jonglieren mit Schablonen und Farben wird Ihnen mit etwas Übung jedoch bald vertraut sein.

Graffito «de luxe»: Ebenen und Farbauszüge

Diejenigen unter Ihnen, die viel mit Photoshops-Ebenenmodi arbeiten, werden vermutlich bereits beim Lesen des letzten Absatzes auf die Idee gekommen sein: Das Variieren des Farbauftrags per Ebenen-Modus (Werkzeugoptionen-Palette) bringt zwar interessante Effekte, ist aber im

Prinzip eine endgültige Angelegenheit – es sei denn, die History-Palette (und der nötige RAM) zum «Rückgängig-Machen» ist fest in Ihre Arbeitsroutinen integriert. Spielraum zum Ausprobieren erhalten Sie, wenn Sie die einzelnen Farbaufträge von vornherein separat als Ebenen anlegen und Modus und Deckkraft am Schluss künstlerisch frei einstellen. Vorteil: Nach-bearbeiten lassen sich so auch Farben, Kontraste, Helligkeit sowie bei Bedarf der Auftrag selbst. Eine weitere Variante betrifft die Methode selbst: Ist etwa Ihr Originalmotiv ein Farbbild, haben Sie natürlich auch die Option, dessen Farbkonstellation künstlerisch in Ihr digitales Mural einzubeziehen.

Kanalpalette als Tummelfeld für kreative Ideen

Ansatzpunkt sind hier die Kanäle, die zur Erstellung der Scherenschnittschablonen herangezogen werden. Liegt Ihr Bild etwa im RGB-Modus vor, können Sie die unterschiedlichen Helligkeitsgewichtungen des Rot-, Grün- und Blau-Kanals gleich beim Erstellen der Schwellenwerte ausnutzen: indem Sie nicht eine neutrale Graustufen-Bildversion als Arbeitsvorlage nehmen, sondern die vorhandene Informationsvielfalt kreativ nutzen: die gesichtshelle Rot-Kanal-Version etwa für die pastellenen Flächen, den insgesamt dunklen Blau-Kanal für eine unorthodoxe Mittelfarben-Variante und den in der Regel kontrast- und konturenreichsten Grün-Kanal für die Schwarz-Schablone. Das Beispiel nur als Anregung – der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt...!

Graffito «lebensecht»: Feinarbeit

Abgesehen von der hier nur skizzierten Bearbeitungsvielfalt, die digitale Programme nun einmal ermöglichen, ist jedoch noch was anderes zu berücksichtigen: Um tatsächlich wie ausgesprühte Schablonen daherzukommen, benötigen Arbeiten dieser Couleur noch etwas Angleichung ans echte Leben – und zwar in den beiden Bereichen Schablone und Farbauftrag. Was Erstere angeht, ist ein einfacher Schwellenwert viel zu fein, um als Airbrush-Schablone durchzugehen. Doch unsere digitalen AlphaKanal-Schablonen lassen sich mit ein paar Handgriffen durchaus auf «lebensecht» trimmen. Um ein naturgemäss gröberes «Handmade»-Outfit herauszuarbeiten, ist eine Glättung des Graustufenkanals vor der Schwellenwert-Generierung unerlässlich. Also: leichte Dosis Gaussscher Weichzeichner (2 bis 5) oder alternativ Helligkeit interpolieren/Selektiver Weichzeichner. Um die Konturen und Linien stärker zu betonen, kommt der Unscharf-maskieren-Filter zum Zuge. Wichtig ist hier die Radius-Einstellung: eine lokale Hervorhebung der Zeichnung funktioniert mit bildmotiv-abhängigen Werten zwischen 5 und 12 (ausgehend von 300 ppi Druckauflösung; bei 72 ppi-Bildern den Radius entsprechend geringer dosieren...!) und relativ hoher Stärke. Einen verblüffend «ausgeschnittenen» Touch schliesslich vermittelt der Kunstfilter Farbpapier-Collage mit einem Abstaktions-Level im unteren-mittleren Bereich sowie mittlerer Genauigkeit. Das Ende vom Lied: Zum Schluss wird bei diesen optimierten Versionen wie gehabt der Schwellenwert ermittelt.

Ein Augenmerk gilt es schliesslich noch auf den Farbauftrag als solchen zu legen. Für wirklich realistische Effekte (insbesondere aus dem Genre «Strassen-Graffiti») ist Photoshops Airbrushwerkzeug nämlich viel zu fein! Behelfen können Sie sich zwar auch mit dem Auftragsmodus «Sprenkeln»; dieser gerät im Gegenzug aber zu grob und pixelig. Eine Behelfsmethode ist hier das Filtern der Airbrush-Auftrags-Ebene mit dem Filter Störungen hinzufügen mit leichter Dosis und monochromer Filterungsmethode.

Erforderlich ist hier allerdings zwingend das Anlegen von Auftrags-Ebenen bei mehreren Farben/Schablonen, da sich sonst die wiederholte Störungs-Einrechnung unschön potenzieren würde. Eine weitere Variationsmöglichkeit ist, die Konturenführung analoger Künstler/innen den Schablonenkonturen entlang nachzuvollziehen. Farbeindrucks-Verstärkungen erzielen Sie hier mit dem Unscharf-maskieren-Filter, wenn Sie einen hohen Radius (20, 50 oder mehr) mit moderater Stärke kombinieren.

Abschliessend anzumerken wäre zu diesem «Photoshop-Graffiti-Kurzkurs» allenfalls noch, dass im Rahmen dieses Artikels natürlich nur die elementaren Grundtechniken skizziert werden konnten. Da Kunsttechniken dieser Art jedoch an sich sehr «freestylig» sind, werden Sie beim Ausprobieren der Methoden ohne Mühe auf sinnvoll kreative Erweiterungsmöglichkeiten stossen. Die Kunst ist frei!

Günter Schuler

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