Kampf der Layout-Titanen: InDesign 2 contra XPress 5
Für die Publishing-Branche verspricht das Frühjahr 2002 interessant zu werden: Neue Versionen der Layout-Boliden XPress und InDesign sind im Betastadium zu besichtigen. Günter Schuler beschreibt im folgenden Beitrag, was von den neuen Qualitäten des Platzhirsches XPress zu halten ist. GÜNTER SCHULER Selbst wenn nichts dran wäre an der alten Volksweisheit «Konkurrenz belebt das Geschäft»: Dass Konkurrenz althergebrachtes Geschäftsgebaren ganz schön durcheinander bringen kann, konnten aufmerksame Beobachter der Publishing-Branche bereits im vierten Quartal 2001 beobachten. Nicht mit schrill-marktschreierischen Tönen, sondern routiniert «Alles im Lot!» signalisierend, ging der Herausforderer in die neue Runde des Kampfs der Titanen. Nun, Programm-Updates im Jahresturnus ist man von Adobe nachgerade gewohnt. Dass dem Neuling im Sektor Satz und Layout, InDesign, ein Update ganz gut anstehen würde, ist bereits seit der Urversion InDesign 1 ein offenes Branchengeheimnis. Das Problem: Der Neue macht zwar durchaus mit Aufsehen erregenden Features Furore, kränkelt jedoch bislang am Wichtigsten: dem Motor. Zwei Mankos machten InDesign zu schaffen. Erstens die Geschwindigkeit. Bis dato ist der Herausforderer dort, wo es um grosse Produktionsdurchsätze geht, (noch) eine ziemliche Fehlbesetzung. Schwer machte es dem InDesign-Start auch eine von der Mutterfirma vererbte «Kinderkrankheit»: die zu restriktive PostScript-Auslegung. Die hat bei Adobe – leider – ihre Systematik. Strategisch geniessen im Softwarekonzern aus Südkalifornien nämlich die selbst entwickelten Medienproduktions-Standardformate die allerhöchste Priorität. Auf die PostScript-Level-3-Kompatibilität der neuesten Programmversionen wird darum stets hingewiesen. Nicht unkomplizierter wird die Situation dadurch, dass Adobe sich selbst mittelfristig von PostScript verabschieden will und darum offensiv auf den neuen – selbstredend ebenfalls in San José entwickelten – Branchenstandard PDF setzt. Nur folgerichtig drängt sich Beobachtern daher der Eindruck auf, dass man bei Adobe in der letzten Zeit häufiger über die selbst gesetzten Ambitionen stolpert.
InDesign: Verbesserung der Geschwindigkeit
Gewohnt grossspurig klingen auch die Ankündigungen: InDesign 2 soll in Einzelfällen bis zu 1500 Prozent Geschwindigkeitszuwachs erbringen. Drei Ausrufezeichen, die natürlich jeden Tester interessieren: Was ist wirklich dran? Wie kommen die auf eine solche Zahl? Im Beta-Test stutzen sich die Versprechungen denn auch auf das zu erwartende Normalmass zurecht. In der Tat wartet InDesign 2 im Vergleich zur Vorgängerversion 1.5 mit einer spürbar schnelleren und flüssigeren Bearbeitung auf. Wer auf die Adobe-Layoutanwendung eh schon festgelegt ist, wird an der Neuversion mit Sicherheit seine Freude haben. Allerdings: Solider, besser, schneller und mit mehr Features funktioniert InDesign 2 vor allem im Hinblick auf die Vorgängerversion. Was hingegen die pure Funktionsvielfalt angeht, machte Herausforderer InDesign dem Platzhirsch XPress bereits vom Start weg die Layout-Wasserstelle streitig. Mit Erfolg: InDesign 2 integriert bereits jetzt die wichtigsten Illustrator-Techniken, jongliert wie selbstverständlich mit Ebenen und bringt neuerdings sogar Transparenz und Blendmodi à la Photoshop. Fazit: Wer Layout vor allem vom grafischen Gesichtspunkt her denkt, kommt fast nicht umhin, dem Adobe-Programm den Vorzug zu geben. Belohnt wird er zudem nicht nur von sozusagen amtlich besiegelter Adobe-Kompatibilität, sondern auch von typografischen Funktionen, die denen des langjährigen Klassikers Nummer eins punktuell eindeutig überlegen sind. Man könnte sich im Hause Adobe gelassen zurücklehnen und zufrieden sein – einerseits.
XPress bleibt trotzdem schneller
Andererseits: Adobe InDesign bleibt im Vergleich zum Windhund XPress hoffnungslos langsam – auch in Version 2. Offensichtlich ist es auch in San José nicht gelungen, die Gesetze der Schwerkraft auszuhebeln. Auf Software gemünzt lauten die schlicht: Viele Funktionen können eine Anwendung ausbremsen. Und mit ambitionierten Technologien und grafisch gefälligen Features ist InDesign wirklich bis unter die Haube vollgestopft. Geschwindigkeitstechnisch erweist sich auch ein weiterer Vorteil als nur beschränkt tauglich: Sie können das Programm zwar modular einrichten, Gepäck über Bord werfen und es – ohne den ganzen zugeschalteten Luxus – rein «basically» laufen lassen. Der Effekt: Das noch flüssiger und solider laufende InDesign wird von QuarkXPress immer noch abgehängt – selbst dann, wenn der Branchenstandard bis zur Halskrause mit XTensions und Erweiterungen vollgepackt ist. Folgerung eins: XPress 5 bleibt im Vergleich zu InDesign 2 das schnellere Programm. Man könnte sich bei Quark in Denver also beruhigt zurücklehnen und durchatmen. Tut man jedoch offensichtlich nicht. Seit Herbst auf der Website von Quark Inc. downloadbar ist Public-Beta Numero zwei – diesmal sogar in einer lokalisierten, deutschsprachigen Version, welche sehr weitgehende Rückschlüsse auf die zu erwartende Finalisierung zulässt. Verkehrte Branchenwelt: ein Herausforderer startet mit einem routinierten Fahrplan durch, während der Heimspieler sein gewohnt zugeknöpftes Geschäftsgebaren über Bord zu werfen scheint und nicht nur frei zugängliche Public-Betas ins Web stellt, sondern seinen Usern sogar ein QuarkXPress 5 ohne lästigen Dongle verspricht.
Glaubenssache oder Prioritätensache
Wie bereits angedeutet: Welcher Layout-Applikation man den Vorzug gibt, bleibt auch bei «XPress contra InDesign» nicht unwesentlich eine Glaubenssache. Oder eine des Setzens von Prioritäten. Für InDesign sprechen: die typografisch besseren Features, Adobe-Kompatibilität, die vielen grafischen Funktionen (inklusive Ebenen und Transparenz plus Blendmodi) sowie – nicht zuletzt – der deutlich niedrigere Preis. Für XPress sprechen nach wie vor die klassischen Gründe: die 250 Prozent durchstrukturierte Satz-, Typo- und Layout-Funktionslogistik sowie die nach wie vor unerreichte Schnelligkeit. XPress-«Jünger» – fairerweise sei hier aufgeführt, dass auch der Autor dieses Beitrags sich hierzu bekennt ;-) – führen durchaus auch einige Typo-Specials von XPress als Vorzüge ins Feld. Zudem kann XPress mit Version 5 eine von Usern lang eingeforderte Funktion ins Feld führen: einen luxuriöseren Tabelleneditor. Und last but not least: Auch das «prepressigste» Programm aller Prepress-Programme wird nunmehr webtauglich! Hat der Hauch des Zeitgeistes nunmehr auch die sonst nie im Verdacht der «Zeitgeistgefälligkeit» stehenden Quark-Programmierer gestreift?
Der erste Blick: Oberfläche, Mac OS und XTensions
Die Antwort auf oben gestellte Frage lautet: nein. Auch wenn der Webdesignbereich von XPress 5 zu den auffälligsten und am umfangreichsten ausgefallenen Neuerungen des Programms gehört, bleibt der allgemeine Eindruck auf den zweiten Blick: alles solide. Umgebaut wurde eher verhalten und punktuell, über Bord geschmissen wenig. Farblich angenehm nuanciert erscheint XPress 5 in zurückhaltendem Grau. Am alten Platz befinden sich auch die allermeisten der für XPress-User so eminent wichtigen Tasten-Shortcuts und Hotkey-Belegungen. Überraschung: Zumindest in der Beta von XPress 5 (vorerst) nicht unterstützt wird Mac OS X; der Layout-Klassiker läuft vorerst also unter der Classic-Umgebung. Geschwindigkeitstechnisch mag das beim «Leichtfuss» XPress wenig ausmachen; der Purismus geht jedoch noch weiter: Leider ebenfalls nicht unterstützt werden Apples Navigation Services – die komfortabel daherkommenden Speicher-, Import- und Exportdialoge, welche die neueren Mac OS-Versionen bereits seit längerem bereitstellen. Offensichtlich hat man sich in Denver auf die reine Funktionalität konzentriert. Erfreulich: über die Ctrl-Taste aktivierbare Kontextmenüs; wer Ctrl althergebracht für das Handling der Zoom-Funktionen verwenden will, kann dies in den Voreinstellungen festlegen. Apple- Script-Liebhaber bekommen zudem ein eigenes Menü, unter dem sich User-erstellte Scripts für die Automatisierung von XPress-Abläufen ablegen lassen. Allerdings: Ein Makro-Recorder, wie ihn etwa Photoshop in seiner Aktions-palette bereitstellt, hätte der Apple- Script-unkundigen Mehrheit der Userschaft garantiert mehr Freude gemacht. Benutzerfreundliche Script-Umgebungen bleiben so ein dankbares Feld für innovative XTensions-Entwickler.
Umorganisierte XTensions
Auf Drittanbieter sowie Distributoren wie CoDesCo oder Innotech kommt hingegen ein gutes Stück Arbeit zu. Was die XTensions-Schnittstelle angeht, hat man bei Quark mit XPress 5 einen noch deutlicheren Schnitt gemacht als bei der Vorversion 4: für XPress 3 oder 4 erstandene Drittanbietermodule sind mit XPress 5 kategorisch inkompatibel! Trostpflaster oder Branchen-Gepflogenheit: Einige Third-Party-XTensions wurden in die neue Programmumgebung integriert. Beispiel: der Guide Manager, welcher Hilfsliniengerüste per numerische Eingabe und Duplizierungsfunktionen ermöglichte, in der deutschsprachigen Beta allerdings noch als englischsprachiger Fremdkörper glänzt. Hier wäre bis zur finalen Portierung noch Nachbesserung zu wünschen; mit einer landessprachlich angepassten Version brillierte nämlich bereits die unter XPress 4 anwendbare Shareware-Version dieser XTension. Ansonsten hat Quark die Module aufgeräumt und in zwei Klassen geschieden. Als «Required Commands» in die A-Klasse aufgestiegen und damit für das Funktionieren des Programms unerlässlich sind einige bislang als XTensions gehandelte Oldtimer: die erweiterte Verlaufsfunktion «Cool Blends» sowie GIF- und JPEG-Filter, aber auch rudimentäre XPress-5-Funktionen wie etwa das «Layers»- oder «Table»-Modul. Der Rest – Index, Jabberwocky (Blindtext), Word- und PDF-Filter; im Schnitt alles alte Bekannte – befindet sich nach gehabter Manier im XTensions-Ordner.
PDF-Export via Distiller
Erfreulich: XPress in Version 5 versteht nunmehr nicht nur «passiven» PDF-Import in Bildboxen; auch XPress-Dokumente selbst lassen sich nunmehr ins Portable Document Format expedieren. Voraussetzung für die über PDF vorgenommene Formatgenerierung bleibt jedoch ein installierter Acrobat Distiller; als Zwischenschritt schreibt XPress eine PostScript-Datei und startet anschliessend den Distiller, welcher dann das eigentliche PDF erstellt. Alternativ kann per Voreinstellung auch das Schreiben der PostScript-Datei «solo» festgelegt werden. Konkret gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Acrobat 5 allerdings noch immer problembehaftet. Ein altes Problem; das lapidare Fazit hierzu: Sicheres PDF funktioniert bei Quark nach wie vor über die Schiene XPress xx-5 plus Acrobat 4. Der XPress-Exportdialog eröffnet allerdings interessante PDF-Optionen: So lassen sich die im Distiller festgelegten Einstellungen via XPress überschreiben, sodass hier nicht ständig hin und her gependelt werden muss. Zusätzlich bieten die Exportoptionen auch Einstellungen für den Hexachrome-Druck sowie in PDFs einbettbare Hyperlinks. Fazit: nicht schlecht. Wie sich der ausgebaute PDF-Sektor in der Praxis machen wird, werden allerdings erst die im laufenden Jahr zu machenden Produktionserfahrungen zeigen.
Zellenbasierender Tabellensatz
Mit einem neuen Tabellenwerkzeug kommt Quark einem lang gehegten Anwenderwunsch entgegen. Optisch mit einem neuen Werkzeug-Button präsent, lassen sich per Maus sowie anschliessend auftauchenden Auto-dialog die Grobparameter für zellenbasierende Tabellenwerke bestimmen. Word-Anwendern werden XPress‘ neue Zellentabellenrahmen bekannt vorkommen. Allerdings gestaltet sich das Handling zumindest in der Beta-Version noch sehr provisorisch und fällt in einem Punkt sogar hinter Word-Standards zurück. Etwas gewöhnungsbedürftig (obwohl nicht unlogisch) Punkt eins: Tabsprünge im Tabelleneditor werden nicht mit der Tabsprungtaste, sondern mit den vier Cursortasten vollzogen. Zum Zweiten «wachsen» die unteren Zellenbegrenzungen nicht parallel zur Texteingabe mit, sondern können nur händisch intuitiv per Maus oder numerisch per Menü verändert werden. Zwar trumpft XPress insgesamt mit seinen üblichen mikropositionierungstechnischen Feineinstellungen auf: Je nach aktivem Werkzeug eröffnet der im Objektmenü gelegene Modifizieren-Dialog ausführliche Dialoge. Markierter Zellentext bringt Feineinstellungen für Zellenfarbe, Textpositionierung sowie Ausdifferenzierung der Spaltenbreiten und Zellenhöhen; angeklickte Gesamttabellen machen Eingabemöglichkeiten für Gesamtgrösse sowie Farbe, Tonwert und Liniendicke des Linien-gesamtgerüstes zugänglich. Allerdings: Auch mit Tricks ist der Funktion nicht beizubringen, Tabellen gänzlich ohne Linien zu generieren – schwer einsehbar, da dies angesichts der mitgelieferten Gestaltungsalternativen eine recht nahe liegende und auch im zeitgenössischen Gestaltungstrend liegende Option wäre. Zu wünschen wäre hier für die final ausgelieferte Version, dass Liniendicken von 0 pt nicht nur eingegeben, sondern auch ausgegeben werden können.
Tabellen aus Fliesstext erstellen
Da «althergebrachter» Tabstopp-Tabellensatz natürlich weiterhin möglich ist, ergänzen das neue Tabellenwerkzeug ein paar weitere, im Objektmenü gelegene Befehle. Zellen lassen sich sowohl vertikal als auch horizontal zu grösseren Einheiten zusammenfassen. Da XPress Tabellenzellen intern nicht prinzipiell anders behandlet als normale Text- und Bildboxen, können auch Bilder in Zellen geladen werden; bei Bedarf lässt sich eine Textzelle auch posthum zu einer Bildzelle umdefinieren. Last but not least hat XPress 5 auch eine leidlich funktionierende Konvertierungsschiene eingebaut. Per Tabelle in Text konvertieren lassen sich Zellentabellarien in Tabstoppfliesstext konvertieren; das Pendant Text in Tabelle konvertieren eignet sich vor allem für die vielleicht leistungsstärkste Funktion des Pakets: die Umsetzung von aus Word oder Excel importierten Tabellendaten in (weiterbearbeitbare) XPress-Tabellen «der neuen Generation». Allerdings sind die Potenzen des neuen Generators bislang noch limitiert: Vorabtests berichten von Zeichenzahl-Obergrenzen; als Zukunftsmusik zu betrachten sind vorerst wohl auch mehrseitige Tabellarien. Als Fazit bleibt jedoch bei all den geschilderten Detail-einwänden: Der Prepress-Star unter den neuen XPress-Funktionen erweist sich als durchaus solides und ausbaufähiges Modul. Möglicherweise werden sich die Potenziale dieses Tabellen-moduls jedoch erst richtig in XPress 5.5 oder 6 entfalten können.
Ebenen noch etwas dürftig
Mehr Anlass, an Zukunftsmusik zu denken, bietet bislang die Funktionalität der neu implementierten Ebenen-palette. Ebenfalls schon länger auf der Wunschliste zahlreicher XPress-User stehend, sah man sich hier wohl seitens Adobe unter Zugzwang gesetzt. Aus prepresstechnischer Warte wünschenswert wären Ebenen durchaus, ermöglichten sie doch das Jonglieren mit unterschiedlichen (zum Beispiel mehrsprachigen) Inhalten im selben Dokument: nützlich vor allem dann, wenn Teile des Inhalts, wie zum Beispiel Bilder, identisch bleiben. Allerdings kommt die Ebenenpalette von XPress 5 noch als recht karge graue Maus. Ohne Transparenz oder gar Blendmodi beschränkt sie sich auf die Handhabung mehrerer Layer. Drucktechnisch gesehen wäre diese reduziert daherkommende Version verschmerzbar; allerdings gestaltet sich die Funktionalität der Objekthandhabung etwas umständlich, insbesondere bei Kopiervorgängen, und vermittelt so leider einen etwas halbherzigen Eindruck. Interessant hingegen ist die Möglichkeit, Umfliessen-Funktionen von Objekten auch dann zu aktivieren, wenn die «Trägerebene» ausgeblendet ist. Hauptmanko in der vorliegenden Beta ist jedoch: Beim Anlegen von Musterseiten lässt sich nur eine Ebene nutzen! Auch wenn dies nicht zwingend die Standardebene sein muss, wird dem Anlegen multiversionstauglicher, entsprechend ausgetüftelter Layouts bereits an der «Zentralstelle» ein entscheidender Riegel vorgeschoben. Resumee: eine Nachrüstung noch vor dem finalen Start würde den XPress- 5-Ebenen mit Sicherheit gut tun. Ein Plus hingegen – bislang vor allem bei den Tabellen zu bemerken – sind die XPress-spezifischen Tasten-Shortcuts und Hotkey-Kombinationen, welche das alltägliche Produktions-handling auch bei den «Neuen» erleichtern – Funktionalität eben, QuarkXPress‘ alte Stärke.
Webdokumente
Mit webdesignerischen Features wartet nunmehr auch der Prepressklassiker XPress auf. Die fürs Layout online-tauglicher Dokumente zur Verfügung gestellten Features können vom Umfang her als die Hauptinnovation der neuen Programmversion angesehen werden. XPress-Webdokumente funktionieren über eine komplett eigene Schiene. Auf den ersten Blick bietet diese dieselben Funktionen wie beim Erstellen von Printdokumenten. Der Unterschied ist jedoch: Befehle, die dort – da keinen Sinn ergebend – gedimmt erscheinen, sind im «Web-Modus» zugänglich. Ergänzt wird der Bearbeitungsmodus für Webdokumente durch eine zweite Werkzeugleiste, welche spezifische Webseitenkomponenten anliefert: Image Maps, Anklick-Buttons, Schaltflächen und Dropdown-Listen. Wie jedoch das Vokabular bereits andeutet, erfordert das Erstellen portier-fähiger Webdokumente nicht nur die Beherrschung der von XPress offerierten Funktionen, sondern solides, webdesignerisches Basiswissen. Auf den ersten Blick erstaunlich problemlos gestaltet sich das Umwandeln der erstellten (und von XPress in einem eigenen Webformat angelegten) Dokumente in browsertaugliche HTML-Seiten. Die nötigen Komponenten werden dabei intern erzeugt – wobei XPress 5 auch Formatierungen über Cascading Style Sheets (CSS) unterstützt. Der entsprechende Exportieren-Befehl generiert nicht nur das nötige HTML-Gerüst, sondern ruft einen per Voreinstellung bestimmbaren Webbrowser auf, welcher das erstellte Layout zur Begutachtung präsentiert.
HTML-Textfilter
Einschränkend hervorzuheben bleibt jedoch: Dokumente per Knopfdruck in Webdokumente konvertieren (und umgekehrt) ermöglicht auch die neue XPress-Version nicht. Der Neu-Dialog erfordert bereits, was die Dokumentart angeht, eine eindeutige Festlegung: Web oder «normal»? Angesichts der in Werbepublikationen wie Zeitschriftenbeiträgen oft breitgetretenen Zukunftsvisionen, die sich lesen, als seien sie aus dem nächsten Jahrhundert zu uns heruntergebeamt worden, bleibt QuarkXPress hier angenehm bodenverhaftet – und liefert daher keine Visionen, sondern Dinge, die man tagtäglich benutzen kann. Angenehm abgerundet wird das neue «Web Gateway» durch brauchbare HTML-Import- und Exportfunktionen. Sie sorgen nicht nur für Textausfuhr im HTML-Format, sondern auch für dessen formatierungstechnisch einwandfreien Import in Textboxen: sowohl in Print- als auch in Webdokumenten.
Fazit
Was bleibt, ist – von vereinzelten Schnitzern und einer stark erweiterungsbedürftigen Ebenenpalette abgesehen – ein insgesamt recht positiver Eindruck. XPress 5 wirkt nicht verzettelt oder überladen, sondern wartet vor allem mit punktuellen Neuerungen auf. Positiv hervorzuheben sind vor allem das bereits recht solide funktionierende Tabellenwerkzeug sowie die Webfunktionen. Sie werkeln XPress jedoch nicht zur «eierlegenden Wollmilchsau» um, sondern offerieren brauchbaren Zusatznutzen für (rudimentäres) Webpublishing und HTML-Texthandling. Alles in allem bleibt der Layoutklassiker seinem guten Ruf als unextravagantes Produktionstool treu – und überrascht daher lieber mit Solidem.