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Venus über die Schulter geschaut

Auf den ersten Blick sieht CorelDraw 9 aus wie CorelDraw 8. Die kanadischen Entwickler haben für einmal nicht Aufsehen erregende Funktionen eingebaut, sondern an der Effizienz und - erfreulicherweise - der Stabilität und der Qualität des Programmpakets gearbeitet.

Wir wissen es nicht - aber wir können uns denken, dass die Corel-Leute recht überrascht und neidisch auf Illustrator 8 reagierten: Eine so «coole» und innovative Funktion wie das «Gradient Mash Tool» hätte man doch zuerst in CorelDraw erwartet! Denn nicht ganz zu Unrecht haftet Illustrator der Ruf an, eine auf Präzi-sion und akribisches Arbeiten ausgerichtete Software zu sein, während die Werkzeuge für spielerisches Desingn mit «Wow!»-Effekt stets bei Corel die Premiere erlebten.Wie dem auch gewesen sein mag - die Corel-Anwender müssen nicht länger auf die sich farbig in alle Richtungen ausdehnenden Verläufe verzichten, die sich so gut zum Akzen-tuieren von Wölbungen aller Art benützen lassen: Eine der Neuerungen von CorelDraw 9 heisst «Verlaufsgitterfüllung».

Alles eine Frage des Filters: PDF auch ohne Distiller

Eine Neuerung, die den Praxisnutzen des Corel-Pakets gewaltig erhöht, ist die Unterstützung für PDF. Adobe Acrobat wird in Corel durch einen Exportfilter direkt unterstützt; die Besitzer des Pakets können PDFs ohne Distiller erzeugen.

Gegen das Durcheinander von Werkzeugleisten, Paletten und Symbolfenstern auf der Arbeitsfläche hat Corel den eigenen kleinen Fensterchen, Rollups genannt, die Fähigkeit zum Andocken mitgegeben. Der Benutzer kann diese beispielsweise am rechten Rand anbinden, wodurch sie keine Teile der Zeichnung mehr verdecken. Aus dem Stiftwerkzeug wurde das Artistic-Media-Tool, das in der Lage ist, zusammen mit einem Grafiktablett von Wacom wie eine Airbrush-Pistole, oder ohne Zubehör wie der Objektpinsel in Illustrator, zu funktionieren.

«Buggy» wie eh?

Man ist sich von Corel-Software ja so einiges gewöhnt. Häufig waren die Versionen derart verwanzt, dass an vernünftiges Arbeiten erst nach dem Installieren von diversen Bug-Fixes zu denken war. Die Version 6 hat wohl kaum ein Anwender je mit «quit» beendet - stets kam der Absturz zuvor. Die aktuelle Version ist glücklicherweise recht stabil und praxistauglich geraten. Es traten in unserem Test zwar Fehler auf, aber die lassen sich beheben oder umgehen:

Beim Import von Draw 8(.433)-Dateien mit PostScript-Type1-Fonts veränderte sich die Laufweite der Schrift. Das ist ein altbekanntes Problem: Die Laufweiten der Corel-Schrift haben sich in der Vergangenheit von Ver-sion zu Version verändert. Genauer ausgedrückt: die Fonts aus den Paketen mit geraden Versionsnummern hatten immer die gleiche Laufweite, welche aber nicht identisch war mit den Fonts mit ungeraden Nummern, die jeweils eine andere Laufweite hatten.

Absolut unberechenbare Ungereimtheiten treten bei der Funktion «An Objekt ausrichten» auf: Je nach Zoomstufe reagiert die Funktion unterschiedlich.

Andockfenster auch in Photopaint

Genauso wie in Draw seit längerem funktioniert jetzt auch in Photopaint die Undo- und die Redo-Funktion: Mit dem Rollup «Rückgängig / Wiederherstellen» (auch das als Andock-fenster konzipiert) werden bis zu 99 Aktionen zurückgenommen. Mit dem Corel-Scripteditor oder dem integrierten Tool für VBA-Makros (Visual Basic für Applikationen) lässt sich die Liste der Aktionen importieren, um sie später erneut auszuführen oder als Script abzuspeichern.

Auch Photopaint 9 unterstützt jetzt das Adobe Portable Document Format (PDF). Es ist auch aus dem Pixel-editor möglich, ohne Umweg über den Distiller PDF-Dokumente zu erstellen.

Diverse neue Funktionen stellen verbesserte Steuerung für Objekt- und Filmbearbeitung zur Verfügung. Zu den Erweiterungen gehören ausgebaute Möglichkeiten im Andockfenster «Objekte», eine neue Funktion zum «Ausgraben» von Objekten, Funktionen zur Objekt-Überblendung, ein neues Andock-Fenster «Film», sowie ein Filmnavigator zum Bearbeiten von QuickTime-3.0-Filmen und QuickTime-VR-Clips.

Ein weiteres neues Werkzeug ist der «künstliche Medienpinsel». Mit Hilfe der Tastatur oder von drucksensitiven Grafiktabletts lassen sich verschiedene Pinseldruckstärken realisieren.

Über 120 digitale Kameras lassen sich neu direkt über die integrierte IXLA-Schnittstelle anschliessen und deren Bilder direkt in Photopaint importieren. Der Benutzer kann dadurch seine Fotos direkt aus der Kamera herunterladen oder löschen. Bearbeitete Bilder lassen sich über diese Schnittstelle auch wieder in die Kamera zurückspielen.

Im Corel-Paket herrscht Zusammengehörigkeitsgefühl

Viele Neuerungen der Version 9 kommen anwendungsübergreifend zum Tragen und lassen sich aus fast allen Programmen nutzen. Für den professionellen Anwender interessant sind die Verbesserungen und die Qualitätssteigerung bei Farbverwaltung und EPS-Export. Zusätzlich gibt es neu einen eingebauten «Pre-Flight-Checker», mit dem sich eine fertige Druckdatei auf Probleme wie fehlende Schriften, verlorene Bilder untersuchen lässt.

Zum CorelDraw-Paket werden jetzt noch mehr Farbbestände geliefert, unter anderem Pantone-Paletten für diverse Papiertypen. Diese lassen sich gleichzeitig verwenden oder auch zu persönlichen Paletten zusammenstellen. Neue Befehle in der Verwaltung der Paletten ermöglichen die Suche einer bestimmten Farbe und die Anzeige von Farbnamen.

Beim Export von EPS- und PDF-Dateien können ICC-Profile eingebunden werden. Mit solchen Profilen des ICC (International Color Consortium) wird eine zuverlässige Farbwiedergabe erzielt. ICC-Profile können in verschiedene Dateiformate eingebettet werden, z.B. in CDR-, CPT-, EPS- und TIFF-Dateien. Dadurch wird die Verwaltung von Bildfarben und von Dateien in verschiedenen Anwendungen vereinfacht.

Belichtungsprobleme: So treten sie auf, so vermeidet man sie

Beim direkten Benützen von PPDs in CorelDraw gibt es bei einigen Belichtern Probleme mit den Separationseinstellungen. Das lässt sich jedoch umgehen, wenn man den Adobe-PostScript-Treiber benützt und so mit dem entsprechenden PPD arbeitet. In CorelDraw sollten die PPDs dann nicht verwendet werden.

Ab und zu passiert es, dass auf dem Bildschirm Linien, Punkte oder ganze Objekte zu sehen sind, die der Benutzer längst gelöscht hat. Dieses Verhalten beruht einzig auf einem Darstellungsproblem und kann bei älteren oder auch zu neuen Grafikkartentreibern auftreten. Solches Verhalten ist jedoch längst nicht

«Corel-exklusiv»; auch bei anderen Grafik- und Bildbearbeitungsprogrammen konnte es schon beobachtet werden. Korrigieren lässt sich der Darstellungsfehler meist schon durch einen Neuaufbau des Bildschirmes (in Corel F9 - Esc).

Beim Zubehör ist jetzt alles anders

Corel Trace, das Vektorisierungsprogram wurde massiv abgewertet. Die aktuelle Version kann keine Texte mehr erkennen; die OCR-Funktionen wurden ersatzlos gestrichen. Corel Dream3D, das Rendering-Programm, hat den Weg in die neue Suite gar nicht mehr gefunden.

Auch bei Cliparts und Fonts ist Vorsicht angesagt - werfen Sie die CD der letzten Version auf keinen Fall weg: Die alten Cliparts sind zum grössten Teil nicht mehr vorhanden. Dafür hat es über 10 000 neue Clip-arts auf den Scheiben. Die Fonts sind überarbeitet worden, was zu einer merklichen Qualitätssteigerung führt.

Um die fertig gestalteten Kunstwerke zu verwalten, hat Corel die Bild-, respektive Multimediadatenbank «Canto Cumulus» in der Version 4.0LE beigelegt.

Service-Pack verfügbar

Für die englische Version von CorelDraw ist über die Corel Site www.corel.com das Service-Pack 1 verfügbar. Die deutsche Version des Service-Packs soll noch vor Ende September zur Verfügung stehen. Darin sind die meisten der erwähnten «Bugs» behoben (gemäss der Bugfixliste). Selbstverständlich ist in der «Premium Color Edition» das ServicePack 1 bereits integriert.

Roland Keller und Erich Vogt

Special für Profis

Es wird im September eine CorelDraw-9-Spezialausgabe für Grafikprofis geben. Der Name des neuen Highend-Paketes lautet «CorelDraw 9 Premium Color Edition». Es beinhaltet zusätzlich Soft- und Hardware von Heidelberg für die Farbkalibration. Mit der Software «Heidelberg ColorOpen LE» und dem mitgelieferten Monitor-Densitometer («Luminance Sensor» von Sequel Imaging), sowie den Agfa-IT-8-Scanner-Targets sind Sie in der Lage, eigene ICC-Profile für Ihre Geräte zu erstellen.

Das letzte Glied in der Kette für eine durchgängige Farbkalibra-tions, ein Colorimeter (Farbdensitometer für Papier oder Druckplatten), wird von Corel aus diversen vernünftigen Gründen nicht mitgeliefert. Einer der Gründe ist, dass es für Filme, Platten und Papiere verschiedene Densitometer braucht, die teilweise sehr komplex zu justieren sind, damit ein akkurates Resultat herauskommt. Ein weiterer Grund ist der Preis, der irgendwo zwischen Fr. 1500.- und Fr. 15 000.- liegt. Selbstverständlich ist die Software jedoch für den Einsatz solcher Geräte vorbereitet. Unterstützt werden Densiometer von Color Savvy Systems, X-Rite und Gretag MacBeth. Damit man nicht alle Profile selbst erstellen muss, werden 2500 ICC-Profile mitgeliefert. Aber Achtung: existierende Profile können mit ColorOpen ICC LE nicht bearbeitet werden. Zum Gebiet Colormanagement sind ausserdem die in der Branche als sehr gut bekannten Unterlagen der Firma Agfa beigelegt.

Der definitive Preis für die Premium Color Edition stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Für Anwender der Version 9.0 wird es einen Gutschein für ein günstiges Upgrade geben.

Info: Insight GmbH, 5405 Dättwil, Tel. 056 484 18 84, Fax 056 484 18 80, www.insight.ch

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